Beziehungen
oder
Warum Männer und Frauen so gut zusammen passen 

Es ist ein frommer Wunsch, dass es Frieden und Verständnis zwischen Mann und Frau geben kann, zumindest nicht für längere Zeit. Dabei könnten nun beide Geschlechter aus den Fehlern lernen, die andere vor ihnen ganz genauso begangen haben. Oder sind Menschen in solchen Dingen nicht lernfähig? 


TAGEBUCH

Zwei verschiedene Tagebücher über den selben Abend...

Ihr Tagebuch:

Am Samstagabend hat er sich wirklich komisch verhalten. Wir wollten noch auf ein Bier ausgehen. Ich war den ganzen Tag mit meinen Freundinnen beim Einkaufen und kam deswegen zu spät - womöglich war er deswegen sauer. Irgendwie kamen wir gar nicht miteinander ins Gespräch, so dass ich vorgeschlagen habe, dass wir woanders hingehen, wo man sich besser unterhalten kann. Er war zwar einverstanden, aber blieb so schweigsam und abwesend. Ich fragte, was los ist, aber er meinte nur "nichts".

Dann fragte ich, ob ich ihn vielleicht geärgert habe. Er sagte, dass es nichts mit mir zu tun hat, und dass ich mir keine Sorgen machen soll.
Auf der Heimfahrt habe ich ihm dann gesagt, dass ich ihn liebe, aber er fuhr einfach weiter. Ich versteh ihn einfach nicht, warum hat er nicht einfach gesagt "ich liebe Dich auch". Als wir nach Hause kamen fühlte ich, dass ich ihn verloren hatte, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Er saß nur da und schaute fern - er schien weit weg und irgendwie abwesend. Schließlich bin ich dann ins Bett gegangen.

Er kam 10 Minuten später nach und zu meiner Überraschung hat er auf meine Liebkosungen reagiert und wir haben uns geliebt. Aber irgendwie hatte ich immer noch das Gefühl, dass er abgelenkt und mit seinen Gedanken weit weg ist.

Das alles wurde mir zuviel, so dass ich beschlossen habe, offen mit ihm über die Situation zu reden, aber da war er bereits eingeschlafen. Ich habe mich in den Schlaf geweint. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin fast sicher, dass er eine andere hat. Mein Leben hat keinen Sinn mehr.

Sein Tagebuch:

Heute hat der FC Schalke verloren, aber wir hatten prima Sex.

Quelle:
Radio Bremen

NEULICH AM NEBENTISCH

Uli Hannemann

Sie waren zu viert - drei Männer sowie eine Frau - und saßen an dem Ecktisch unserer kleinen Skatrunde direkt gegenüber. Vor zehn Minuten waren sie gemeinsam hereingekommen und unterhielten sich über Computer-Probleme - auf Englisch, denn einer der Männer sprach wohl kein Deutsch. Ich spielte gerade einen wackligen Grand ohne Drei, als die Frau lauter und ich hellhörig wurde: »Du warst beim Sex immer nur bei dir«, beschwerte sie sich gut vernehmbar - zumindest einen der Männer schien sie genauer zu kennen. »Anderes Thema«, erwiderte der Angesprochene und lachte seine beiden Geschlechtsgenossen verlegen an. Gehemmt grinsten diese zurück. »Ich weiß ja nicht, wie das inzwischen bei dir ist«, ignorierte ihn die Frau, »aber früher konntest du nie richtig loslassen. Ich hab mich im Bett dann immer total alleine gefühlt. Zweimal in der Woche hast du den Löffel in mich reingesteckt und autistisch in mir rumgerührt wie ein frustrierter Kantinenkoch in einem Stahlbottich Kartoffelsuppe!« Leise antwortete der Kantinenkoch irgendwas. Ich lehnte mich zurück, um besser verstehen zu können - den Grand hatte ich eh verloren. Regine mischte und gab neue Karten. »Es kommt nun mal nicht nur auf die Technik drauf an. Guten Sex machen kann jeder, jeder Vergewaltiger kann guten Sex machen«, schrie die Frau. Der Vergewaltiger zog den Kopf ein. Er tat mir fast ein bißchen leid. Die beiden anderen unterhielten sich ein wenig bemüht und auf Englisch über Computer-Probleme. »Ihr Schwanzfaschisten glaubt«, ereiferte sich die Frau mit rücksichtsloser Lautstärke, »mit eurem Ding löst ihr alle Probleme - das ist ein totaler Irrtum, deswegen hab ich mich dir damals auch irgendwann verweigert. Du hast mir ja leid getan, aber darauf hatte ich echt keinen Bock mehr!«

»Braucht ihr noch irgendwas?«, fragte die Bedienung und räumte ein paar leere Flaschen Doppelbock ab, »ein Mikrofon zum Beispiel?« »Nein danke«, sagte die Frau, »nett gemeint!« Sie brauchte wirklich kein Mikrofon - bis auf ausgerechnet meine Mitspieler, saß mittlerweile die ganze Kneipe, zum Teil mit über den Lehnen verschränkten Armen, zu ihr gewandt und lauschte gebannt. Ich verlor einen Null-Ouvert mit drei Assen und war mit Geben dran.

»Du hast das nie kapiert«, schrillte die Frau weiter, »man kann tollen kalten Sex haben mit irgend jemandem, den man nie zuvor gesehen hat und schlechten Sex haben und sich trotzdem total nah sein dabei. Wenn ich jemanden liebe«, verfiel sie in einen leicht klagenden Tonfall, »dann will ich lieber letzteres haben. Im Idealfall natürlich beides!« »Was, beides?«, fragte der Schwanzfaschist. Er schien längst kapituliert zu haben. »Na schlechten Sex...«, sagte die Frau langsam, nach einer längeren Denkpause. Sie schien bereits ordentlich getrunken zu haben.

»Lauter!«, kam es von weiter hinten. »Oh, Entschuldigung«, meinte die Frau, »also ich meinte, äh, kalten Sex...« »Du hast aber schlechten Sex, gesagt«, warf ein anderer Gast ein. »Ja - natürlich! Also man kann kalten Sex haben und schlechten Sex und man kann guten Sex haben und schlechten Sex, tollen schlechten Sex«, sagte die Frau. Sie machte jetzt einen etwas verwirrten Eindruck. Ihr, dem Vernehmen nach, Ex-Typ saß völlig in sich zusammengesackt daneben. Die Begleiter der beiden sprachen über Computer-Probleme. Ich mischte noch immer. »Wie wär’s, wenn du’s zur Abwechslung mal mit den Spielkarten versuchst«, grinste Flo und nahm mir die Bierdeckel aus der Hand. »Das verstäh nich«, sagte ein hinzugetretener Rosenverkäufer, »isse Sexe gut, isse Sexe schlecht - isse Sexe schlecht, isse Sexe gut. Verstäh nich?«, schüttelte er den Kopf. »Ich sage gar nichts mehr«, rief die Frau trotzig in den Raum. »Zieh doch den Publikumsjoker«, riet eine. »Na gut«, seufzte die Frau erleichtert auf, »das mach ich - also, wer kann meinem bescheuerten Ex-Freund und dem Rosenverkäufer und mir erklären, was hier eigentlich Sache ist?« Die Leute steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und berieten sich. Dann stand eine kleine Frau mit einer dicken Hornbrille auf und verkündete das Votum: »Also ich finde, daß man lieb zueinander sein soll, auch in Zeiten, wenn es vielleicht mal nicht so läuft. Dann zeigt sich erst, was man aneinander hat und überhaupt finde ich, daß das mit dem Sex gar nicht so wichtig ist, wie du, Gisela - ich darf dich doch Gisela nennen? - denkst.«

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Einige weinten. Zweieinhalb spielten Karten. Zwei sprachen über Computer-Probleme.

Quelle: http://salbader.prenzl.net/nummer33/008.html


Urlaub mit einem Unbekannten

Achtung Explosionsgefahr: Wenn Paare Ferien machen, entdecken sie sich neu - und die Liebe steht auf dem Prüfstand

Von Christine Eichel

UND? WIE WAR'S?" Tausendfach wird in diesen Tagen eine Frage gestellt, deren Beantwortung nach Möglichkeit superlativisch ausfallen sollte. Ein ultimativer, Traumurlaub muß es schon gewesen sein. Denn Urlaubsreisen gelten als sozialer Hochleistungssport mit Glücksverpflichtung, als Beweis eines gelungenen Lebensstils, der durch perfekt inszenierte Ferienfreuden gekrönt wird.

Doch die Realität sieht anders aus. Wer hat nicht schon diese Paare beobachtet, die zwar braungebrannt, doch sichtlich erschöpft den Rückflug aus dem Urlaubsparadies antreten? Schweigend sitzen sie nebeneinander, die Blicke sind leer, die Mienen versteinert. Dabei hätte alles so schön sein können. Das Wetter war grandios, das Hotel von bester Qualität und der Tischwein passabel. Nur - wer war diese skurrile Begleitperson? Der gemeinsame Urlaub entpuppt sich für viele Paare als eine hochkomplizierte Rechenaufgabe mit der großen Unbekannten.
Fünf Minuten am Tag, so fanden Forscher heraus, reden Ehepaare im Alltag miteinander. Man beschränkt sich auf das Nötigste, schließlich laufen die Rituale wie am Schnürchen, die Agenda der Pflichten und Vergnügungen ist minutiös geregelt, und abends nickt man ermattet vor den „Tagesthemen" ein. Um so unsanfter ist das Erwachen, wenn solch pragmatische Beziehungsarrangements dem Belastungstest drangvoller Nähe unterzogen werden.

So mancher reibt sich fassungslos die Augen, wenn ihm klar wird, mit wem er da eigentlich seit Jahren Tisch und Bett teilt. Die Sonne bringt es an den Tag: Es ist ein vollkommen Fremder. Das könnte durchaus aufregend sein, wenn nicht das unbarmherzige Brennglas permanenter Beobachtung den Partner zuweilen um so befremdlicher erscheinen ließe, je genauer man hinsieht. Und das betrifft nicht nur so erstaunliche Entdeckungen wie die Speckschürze über der Badehose.

War dieser Mann eigentlich immer schon ein notorisch verstummter Zeitungsleser? Hat diese Frau noch andere Interessen, als die Strandboutiquen leer zu räumen? Hat er immer schon diesen leicht verklärten Blick gehabt, wenn eine Doppel-D-Beauty vorbeimarschierte, und muß sie wirklich jedem Kellner erklären, wie man bißfeste Nudeln kocht?

Da hilft weder das gute Buch noch die in therapeutischer Absicht großzügig genossene Sangria. Wer gemeinsam verreist, befindet sich in einer Zwangsgemeinschaft, von der auch noch alle erwarten, daß sie gefälligst funktioniert.

Die schönsten Wochen des Jahres sind emotional mindestens so aufgeladen wie Weihnachten. Und wehe, wenn das schiefgeht. "Bitte lächeln!" ist das erste Gebot des geplanten Frohsinns. Nur Loser haben schließlich schlechte Laune im organisierten Amüsierbetrieb. Und was ist schlimmer als das feindselige Schweigen beim Candle-Light-Dinner, während alle anderen ringsherum sich großartig zu amüsieren scheinen?
„Falsche Nähe reizt zur Bosheit", bemerkte einst Theodor W Adorno, dem überdies aufgefallen war, daß „jedes gemeinsam auftretende Ehepaar komisch" wirke. Das mag sarkastisch und ungerecht klingen. Doch ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß so manche Zweiercombo, die daheim nicht weiter verhaltensauffällig ist, im Urlaub zu einem hochexplosiven Gemisch mutiert.

Wirklich existentiell sind die Nöte nicht, eher trivial. Sie will
surfen, er möchte seine Ruhe. Sie findet den öligen Animateur umwerfend komisch, er brilliert lieber an der Bar mit seinen sattsam bekannten Anekdoten.

Die Skala der anschließenden Gemütsverstimmungen reicht von Unverständnis über Wut bis zu blankem Haß. Kein Wunder, daß die Frequenz der Scheidungsanträge nach dem Urlaub regelmäßig nach oben schnellt. Der unfreiwillige Reality-Check führt leicht zu Ernüchterung, die Konsequenz ist schnell gezogen: Was nicht mal in Ferienstimmung funktioniert, kann doch auch im Alltag keinen Bestand haben.

Also lieber daheim bleiben als die Beziehung in der Fremde aufs Spiel setzen? Sollte man den häuslichen Grauschleier, der Gewöhnung unliebsamen Erkenntnissen unter Palmen vorziehen? Nein. Das Problem* liegt bei genauerer Betrachtung nicht im Urlaub, sondern in den übersteigerten Erwartungen, die damit verknüpft sind. Denn im allgemeinen zerbricht man sich weit mehr den Kopfüber den richtigen Lichtschutzfaktor der Sonnencreme, als einmal über den Beziehungsschutzfaktor des emotionalen Reisegepäcks nachzudenken - in der Hoffnung, man werde Gefühle, die von der Alltagsroutine auf Eis gelegt wurden, in der Mikrowelle südlicher Sonne einfach wieder auftauen.

Viele Paare schalten den Urlaub an wie einen Fernseher. Das Programm ist klar, aber das war's dann auch schon. Bezeichnenderweise erschöpft sich die Planung des Urlaubs deshalb oft in der Wahl des Reiseziels. Bloß weg hier, so schnell wie möglich. Urlaub ist ein Instant-Ereignis, bei dem man alles nachholen will, was im Alltag auf der Strecke geblieben ist. Man beamt sich an irgendeine attraktive Location und erwartet, daß der Genius loci es schon richten wird. Man läßt sich bespielen, ohne selbst zu spielen.

Um so schockierender ist es, wenn man dann feststellen muß, daß am Urlaubsort statt „Flitterwochen reloaded" das Beziehungsprogramm "Barfuß durch die Hölle" abläuft. Statt sorgloser Leichtigkeit kommt der Bumerang unerledigter Konflikte angeflogen. So mancher sphinxhaft lächelnde Barkeeper muß sich dann nächtelang die Klagen seiner gestreßten Klientel anhören. Was denkt sich wohl der gute Mann, wenn er die wohlstandsverwahrlosten Reisenden sieht, die ihren teuren, aber völlig mißlungenen Urlaub bejammern, obwohl doch alles dazu angetan ist, unbeschwerte Tage und Nächte zu verbringen?

Smarte Beziehungsprofis schwören deshalb von jeher auf getrennten Urlaub. Ihre Argumente: Die gemeinsame Schnittmenge der Freizeitaktivitäten sei ohnehin gering, da wolle man dem Partner nicht auf die Nerven fallen, und überhaupt sei doch immer noch der beste Urlaub der Urlaub von der Beziehung.

Sicher, in schweren Fällen ist das eine probate Lösung. Vertan wird so aber die Chance, sich dem Abenteuer Beziehung wirklich zu stellen. Wenn sich herumsprechen würde, daß der gemeinsame Urlaub durchaus anstrengend sein kann, daß man Harmonie nicht buchen, sondern nur im unbeirr-ten Bemühen um den Partner erzeugen kann, daß bei der Ankunft im Hotel die Reise nicht etwa beendet ist, sondern der Weg aufeinander zu beginnt, dann ließe sich manche Enttäuschung vermeiden. Manche Trennung auch.

„Und? Wie war's?" Die ehrliche Antwort würde dann lauten: „Ich hab's überlebt." Und: „Wir sind immer noch zusammen."

Quelle: Welt am Sonntag Nr. 34, 21.08.2005, Seite 70